Dienstag, 9. Januar 2018

Gedanken zum Nähen... und ein Mantel

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Warum nähst Du?

Weil es Dir Freude macht? 
Weil Du beim Nähen entspannen und die Alltagssorgen beiseite schieben kannst? 
Weil es Spaß macht, schöne Stoffe zu verarbeiten? 
Weil Du individuelle Kleidungsstücke tragen möchtest? 
Weil Du Dir selbst etwas Gutes tun möchtest? Weil Du jemand anderem eine Freude machen möchtest? 
Weil Du, Deine Kinder/jemand anderes ein neues Kleidungsstück /Tasche, Accessoire... brauchen? 
Weil Nähen für Dich leichter, schneller, entspannter, freudvoller ist als Kleidung einzukaufen? 
Weil Du nicht mitmachen möchtest bei Fast Fashion und Konsumwahnsinn? 
Weil Du gerne etwas Neues lernst? Weil Du eine (nähtechnische) Herausforderung suchst? 
Weil Du dann endlich einen Punkt auf Deiner To-Sew-Liste streichen kannst? 
Weil Du viel zu viele Stoffe hast, die endlich verarbeitet werden müssen und Du ein schlechtes Gewissen hast? 
Weil Du ein Designbeispiel für einen Schnitt oder Stoff brauchst? 
Weil es zu Deiner Arbeit und somit auch zu Deinen Pflichten gehört? 
Weil Du an einer Linkparty teilnehmen möchtest? 
Weil Du mal wieder was Genähtes auf dem Blog/Instagram/Facebook zeigen möchtest? 
Weil es Spaß macht, Teil der „Nähbloggerwelt“ zu sein?

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Wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich (fast) jede dieser Fragen zumindest im Einzelfall mit Ja beantworten. Manches Ja ist dabei zögerlicher, manches überzeugter.
Ich will auch nicht behaupten, dass manche dieser Gründe besser oder schlechter sind oder keine Berechtigung haben, es kommt auch immer auf die Situation an. Ich nähe ja inzwischen auch aus beruflichen Gründen, und hier gelten manchmal eben wieder andere Regeln.

Worum es mir persönlich geht, ist die Balance. Nähen - gerade der Teil, der noch immer Hobby ist - soll keinen Stress verursachen.
Ich möchte

langsam nähen, 
entschleunigt nähen, 
achtsam nähen, 
genussvoll nähen, 
bewusst nähen, 
sorgsam nähen,
sinnvoll nähen, 
nachhaltig nähen, 
bedarfsorientiert nähen, 
individuell nähen.

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Ich möchte nicht gefangen sein in einem sich immer schneller drehendem Rad – ständig und überall gibt es neue Schnitte, neue Stoffe, neue Beiträge auf zig Kanälen. Was eine wunderbare (!) Quelle an Inspiration ist, kann allzu leicht auch ausarten in Druck, Stress, Gehetzt-Sein. Kennt Ihr das? 
(Und ja, auch von mir gibt es Schnittmuster. Vielleicht ist das ein Widerspruch. Aber Schnittmuster an sich sind ja nichts „Böses“ - und wie, warum, von wem und wie oft diese umgesetzt werden, bleibt jeweils individuelle Entscheidung.)

Ich will hier auf keinen Fall als Besserwisserin daherkommen. Ich mache auch längst nicht alles richtig. Aber ich suche nach etwas mehr ... Reduktion aufs Wesentliche.
Was ich möchte, ist, achtsam umgehen mit meiner Zeit, meiner Energie – und auch mit Ressourcen. Stoffe und Materialien sind wertvoll. Auch wenn es Bio-Stoffe sind, ist das kein Freibrief, um endlos zu konsumieren und zu produzieren. Sollte das Selbermachen nicht in seinem Ursprung Ersatz sein für Konsum – und nicht ein weiterer Grund dafür? 

Wie geht es Euch dabei? Was habt Ihr für Näh-Vorsätze? Stressen Euch das Nähen und die "Internet-Nähwelt" manchmal?

Ich möchte mir mit dem Nähen etwas Gutes tun, ich möchte Schönes erschaffen, das anderen und mir Freude macht, das auch benutzt und gebraucht wird. Ja, es ist manchmal schwierig, die Grenze zwischen Brauchen und Wollen zu ziehen. Mir geht es aber auch nicht um Verbote und um Verzicht (also Druck in die andere Richtung), sondern darum, eben noch mal inne zu halten, bevor ich einen Stoff anschneide oder auf den „Kaufen-Button“ klicke. Auch dann macht das Nähen noch Spaß – vielleicht sogar mehr!

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Spaß gemacht hat es auch, diesen Mantel zu nähen. Als Grundlage hab ich meinen Picea-Schnitt herangezogen. Um aus dem Cardigan einen sehr dicken, gefütterten Walk-Mantel zu machen, habe ich, kurz gefasst, ein paar Änderungen vorgenommen:

- zwei Größen größer zugeschnitten
- eine Kapuze dazu „gebastelt“ (und mit einem Jerseyrest gefüttert)
- die Knopfleiste nicht angesetzt, sondern vor dem Zuschneiden an das Vorderteil angefügt (siehe dazu auch hier)
- das Futter (Vorder- und Rückenteile aus Fleece, Ärmel aus Futterviskose, die ich, der Wärme wegen, auf einen Sweatstoff gesteppt habe) links auf links in den Außenmantel gesteckt, mit Belegen aus dem Außenstoff (sieht man beim oberen Bild) mit dem äußeren Mantel verbunden; da Walk und Fleece nicht ausfransen, konnte ich offenkantig und ohne Verstürzen arbeiten.

Der Mantel ist sehr warm und gemütlich und hat mir schon an einigen kalten Wintertagen gute Dienste geleistet.

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Diese Art des Weiterdenkens von Schnittmustern beschäftigt mich momentan sehr, und ich habe noch einige Ideen, die ich - nach und nach - weiterspinnen möchte. Schließlich braucht es in Wahrheit gar nicht soo viele unterschiedliche Schnittmuster, wenn man kreativ mit ihnen umgeht...

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Schnittmuster: Picea von Fabelwald, mit den oben beschriebenen Änderungen
Stoffe: anthrazitfarbiger Walk, Baumwollfleece und Reste an Futterstoff/Sweat

Diesen Artikel veröffentliche ich auch auf dem Fabelwald-Blog, weil er mir für beide Seiten wichtig erscheint.

Kommentare:

  1. Der Mantel gefällt mir sehr gut.
    Danke auch für deine Nähgedanken.

    Ich nähe auch und diese Gründe kommen bei mir auch manchmal vor. Und ich möchte auch gerne bewusst und achtsam nähen.

    Klappt nicht immer.
    Vorallem wenn man so viele Ideen hat, was man alles noch machen könnte.

    Liebe Grüsse Eva

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    1. Liebe Eva, ja, viel zu viele Ideen, das kenne ich auch. Und durch immer mehr Input und Inspiration werden es dann noch mehr... Das ist ja auch an sich nicht schlimm. Ich versuche, zu lernen, dann Prioritäten zu setzen. Und aufzuhören, wenn es keine Freude mehr macht...

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  2. Ich finde den Mantel wunderschön - von außen und erst recht von innen. Einfach klasse.
    Über das Nähen habe ich mir ja auch schon oft so meine Gedanken gemacht. Ich nähe ausschließlich aus Spaß an der Freude. Es entspannt mich, ich erarbeite gerne etwas, ich finde neue Techniken sehr spannend und das ein odere Teil habe ich nur deswegen genäht und nie getragen. Alles andere ist ein netter Nebeneffekt.
    Schon länger reduziere ich meine Blog-Liste und lese wirklich nur noch das, was mich wirklich interessiert. Anfangs habe ich auch alles verschlungen und - wie Du schon geschrieben hast - es war wie ein sich immer schneller drehendes Rad: Vor lauter Inspiration hier und neuen Eindrücken da bin ich selbst zu nichts mehr gekommen.
    Auf der Stufe, wo ich jetzt stehe, fühle ich mich sehr wohl. Alles kann, nichts muss.
    LG, Sandra

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    1. Schön, dass Du einen guten Weg für Dich gefunden hast. ... Und ja, manchmal muss man eine Inspirations-Pause einlegen... Auch hier ist weniger oft mehr

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  3. Liebe Steffi,
    nicht nur ist unserer Kleidungsgeschmack identisch, deine Gedanken könnten meine sein. Dieses jeden Stoff und jeden Schnitt haben müssen finde ich genauso schlimm wie zu viel Kleidung kaufen. Am Ende bleibt immer ein übervoller Schrank. Ich mache da schon länger nicht mit und hoffe das sich viele darüber Gedanken machen. Nähen nur wenn man es braucht macht genau so glücklich.
    Dein Mantel ist übrigens toll geworden! Ich bin immer noch auf der Suche nach perfektem Stoff für mein Picea Mantel
    Liebe Grüße,
    Lee

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    1. Danke für Deine Worte, liebe Lee. Ja, ich denk auch, wir schwimmen auf derselben Wellenlänge :-)

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  4. Liebe Steffi, der Mantel ist sehr schön geworden. Picea hätte ich in ihm auf den ersten Blick gar nicht erkannt. Deine Gedanken zum Nähen decken sich ganz mit meinen. Ich möchte auch versuchen zu entschleunigen, mich nicht von so vielen Dingen mitreißen zu lassen, nicht nur deshalb etwas zu kaufen weil es gerade im Angebot ist. Als ich bei meinem Jahresrückblick rekapituliert habe wieviel ich tatsächlich im letzen Jahr genäht habe, bin ich regelrecht erschrocken. Auf ein etspanntes 2018 Julia

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  5. Der Mantel sieht klasse aus...m ein Vorsatz ist der gleiche wie im letzten Jahr... die ugnenähten Schnitte nähen... im letzten Jahr habe ich immerhin 23 neue Schnitte getestet... 1/3 für mich, 1/3 für Zwergi und 1/3 für meine Nichte. Wenn ich so weiter mach und keine neuen dazu kommen, dann sollte ich dieses Jahr alle mindestens einmal genäht haben... nur leider kamen über den Advent ein paar neue schon dazu.
    Grüße Sonnenblume

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  6. Hallo, kann ich so alles unterschreiben. Jaa, ich nähe zur Entspannung. Jaa - ich setze mich auch selbst unter Druck. Ja - ich habe viel zu viel Stoff und auch Schnittmuster. 2018 muss es weniger werden und ich werde einfach mal nähen - weniger Inspiration, mehr Umsetzung und ich muss aber sagen, dass ich dafür weniger Kleidung fertig gekauft habe. Ungenähte Schnitte und die Stoffe hemmen mich mittlerweile und da muss ich einen gesunden Weg raus finden. Klarheit ist mein Motto für 2018! Der Mantel gefällt mir gut, sehr schick! Ich lese viel von dieser Entwicklung, die meisten stellen sich irgendwann diese Frage.. Ich finde es spannend, nicht allein zu sein! Bin gespannt, was 2018 bei Dir passiert!

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  7. Liebe Steffi,
    du schreibst sehr treffend, viele Gedanken habe in in den letzten Monaten genauso gehabt... Der Grat ist manchmal schmal zwischen Hobby und Verpflichtung, zwischen Bewusst nähen und schnell fertig sein. Auch ich sehe mich in diesen Zwiespalt. “Privat“ habe ich nie Stoffe gehortet und bin trotzdem mit dem Vernähen kaum hinterher gekommen. Seit ich meinen Shop habe, bin ich quasi ständig von tollen Stoffen umgeben. Zu fast allen habe ich einen Plan... Aber brauchen tue ich das meiste nicht. Glücklicherweise schiebt auch die Zeit meist einen Riegel vor. Mein Ziel ist es, mehr den Prozess der Entstehung wahrzunehmen. Klappt mal besser und mal schlechter... Ein für mich wichtiges Thema ist auch das individualisieren von Schnitten, damit ich eben nicht 10 Schnitte kaufe, nur um sie zu haben...
    Ich freue mich auf deine Ideen und bin gespannt was 2018 so bringt! :-)
    Liebe Grüße
    Julia

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